'Hier gibt’s keine Helden!': Drei Tage WWE-Tryout

'Hier gibt’s keine Helden!': Drei Tage WWE-Tryout

Im Kraftraum des WWE Performance Centers in Orlando (Florida) herrschte an einem Freitag im September lebhafter Betrieb.

Classic Rock tönte aus den Lautsprechern, von Janis bis Skynyrd gab es alles zu hören, während mehr als zwei Dutzend Männer gegen die Erschöpfung kämpften und ein Zirkeltraining absolvierten. In Abständen von ca. 45 Sekunden schallte eine Trillerpfeife durch den Raum. Durch dieses Signal wussten die Teilnehmer, dass es an der Zeit war, die Übung zu wechseln. Die Nachwuchs-Wrestler gingen vom Gewichtsschlitten zur Burpee-Station, als würden sie bei ihrem Auto einen anderen Gang einlegen. Andere machten Kastensprünge oder Kniebeugen. 

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Es war Tag zwei der drei wichtigsten Tage im Berufsleben der meisten dieser Männer. Ein WWE-Tryout, einer der ersten Schritte eines potentiellen Superstars der Zukunft, bevor er in die Fußstapfen eines John Cena oder Randy Orton treten kann.

Normalerweise werden solche Tryouts hinter verschlossenen Türen abgehalten. Gewöhnlich sind sie nur für die eingeladenen Athleten, die Trainer des Performance Centers und erlesenes WWE-Personal gedacht. Dieses Camp war eine Ausnahme. Es war nicht nur ein Reporter der „Muscle & Fitness“ zugegen, sondern auch Kameramänner und Fotografen von WWE.com. Sie wollten die Vorgänge exakt dokumentieren. 

Um 9:36 Uhr wurden Mülleimer in die Trainingsräume gebracht und strategisch platziert. Und das nicht umsonst. Sich zu übergeben war eine nur allzu logische Konsequenz des zweiten Tages. Manche nennen diesen Abschnitt den „Fleischwolf“.

‘Unter dem Mikroskop’

Einen Tag zuvor, nach einer medizinischen Untersuchung früh am Morgen, hatten sich alle rund um den Ring versammelt. Der Nachwuchs staunte andächtig, als Cheftrainer Bill DeMott alle Teilnehmer willkommen hieß. Er war mit der Durchführung des Tryouts betraut worden.

„Das hier ist unser Haus!“ verkündete er. „In den nächsten drei Tagen ist es auch euer Haus.“

'Hier gibt’s keine Helden!': Drei Tage WWE-Tryout

DeMott erklärte daraufhin die Hausordnung. Die Gäste lauschten seinen Worten. Einer von ihnen war Jeff Cobb, ein etablierter Olympia-Ringer, der die Insel Guam bei den Olympischen Sommerspielen 2004 vertreten hatte. Ein Strongman namens Michael Fierro, der normalerweise Reifen durch die Gegend schmeißt, war ebenfalls anwesend. Justin Whitley, ein Bodybuilder mit freundlichem Gesichtsausdruck, der als Justizvollzugsbeamter normalerweise eine Uniform trägt. Richard Swann, ein 1,70m großer Highflyer, den man in kleinen, unabhängigen Wrestlingligen kennt, stand ganz hinten.

„Tretet euch die Füße ab, bevor ihr in den Ring steigt!“ Bill DeMott gab Anweisungen, während seine Offiziere Robbie Brookside, Norman Smiley und Jason Albert ihren Kommandanten wortlos unterstützten. WWE-Ruhmeshallen-Mitglied Gerald Brisco war ebenfalls anwesend, um seinen stets respektierten Input anzubieten.

„Verlasst das Performance Center in der Verfassung, in der ihr es betreten habt!“ – diese Anweisung konnte man tatsächlich wörtlich nehmen. Jeden Tag beendeten die jungen Männer mit folgenden Tätigkeiten: Sie wischten den Boden und machten den Ring und die Matten sauber. Dann gab DeMott noch folgenden Ratschlag: „Seid morgen pünktlich! Die Performance Center-Regel lautet: Wer nicht früh dran ist, ist zu spät!“  

Weiterhin sagte er: „Ruft euch eine Sache ins Gewissen: Das ist ein Tryout Camp! Kein Trainingscamp!“

Diese Ansage war vielen vertraut. Jason Shirley, ein massiver NFL Defensive Tackle, war zum zweiten Mal bei einem Tryout dabei, da er beim ersten Mal den Großteil der Übungen wegen einer Verletzung nicht absolvieren konnte. Auch Kenneth Allen Crawford, Veteran des U.S. Marine Corps und ehemaliger Leichtathlet war zurück. Er hatte gute 15kg Muskeln zugelegt, nachdem er vor einem Jahr schon einen Versuch unternommen hatte.

Obwohl man eine Ansammlung beeindruckender Athleten bestaunen konnte, wirkten die Teilnehmer am ersten Tag im Performance Center nicht gerade zuversichtlich.

„Die Möglichkeit, beim weltweit größten Unternehmen im Bereich Sports-Entertainment ein Tryout zu absolvieren, bedeutet eine Menge Druck“. Norman Smiley erklärte dies in einem der Konferenzräume, bevor das knallharte Training begann. „Man wird erleben, wie diese Jungs das Gefühl haben unter einem Mikroskop zu sein. Draußen sind sie eventuell sehr extrovertiert. Sie sehen sich hier um und stellen plötzlich fest, dass manche Typen Weltklasse-Athleten sind oder MMA-Kämpfer. Das ist extrem einschüchternd.“

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'Socken hochziehen!'

Die Formalitäten waren also aus dem Weg geräumt und die ersten Drills begannen. Digg Rawlis, Hugo Knox und James Jensen — drei junge Talente aus dem Performance Center auf hohem Niveau und „Maßstäbe“ (laut DeMott) — führten Dehnübungen und ein Warmup mit den Neulingen durch. Blayne Beale-McDonald, ein 1,97m großer Topringer der Northern Iowa University, zeigte eine Nackenbrücke, um seine erstklassigen Fähigkeiten zu demonstrieren. „Schau dir den Angeber an“, witzelten die Trainer.

Nach ein paar Hampelmännern, Liegestützen und Kniebeugen lernten die Anfänger die grundlegenden, aber fundamentalen Techniken. Diese waren der Grundstein für alle Folgeübungen. Schier unglaublich scheint beim Wrestling, dass die einfachsten Bewegungen im Ring nicht so schwer aussehen, wie sie in Wirklichkeit sind. Sogar das Aufstehen von der Bodenlage folgt einem bestimmten Bewegungsablauf. 

10 Dinge, die ihr noch nicht über das WWE Performance Center wusstest

Die Teilnehmer riefen ihre Nachnamen, als sie nacheinander den Ring betraten, um relativ harmlose Vorwärtsrollen auszuführen. Das Camp war aufgeteilt in Independent-Wrestler und sonstigen Athleten. Schon nach den ersten Durchgängen konnte man sagen, wer in welche Kategorie gehörte. Der kleinste Ansatz von professionellem Wrestling weckte die Instinkte bestimmter Teilnehmer.

DeMott gab folgenden Hinweis: „Speed kills!”

Einige Frischlinge hatten schon zu kämpfen, denn ihr Gleichgewichtssinn spielte ihnen Streiche und ihre Koordination wurde auf eine Probe gestellt.

Kurz darauf stellte Brookside seinen Lieblingsdrill, den „Brookside Shuffle“ vor. Die drei Vorzeigeschüler aus dem Performance Center demonstrierten das Ganze zuerst. Sie nahmen ihre Hände hinter den Kopf und tänzelten quer durch den Ring. Sie wechselten auf Kommando die Richtung. Dann folgten jeweils vier Nachwuchstalente und taten es ihnen gleich. Auch sie bewegten sich durch den Ring. Brookside mahnte an: „Kleine Schritte machen!“

Einen Six-Pack und strahlend weiße Zähne zu haben ist toll, aber die richtige Atmung, Beinarbeit, Timing — darauf kommt es im Performance Center an. Brisco ist der Meinung, er könne alles, was er über einen Wrestler wissen müsse, an der Beinarbeit erkennen. Er verbrachte den ganzen Tag damit, die Talente auf diese Weise zu analysieren. Der Shuffle ist eine Übung von großer Bedeutung.

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Als es an der Zeit für den „Baldo Bag“ war — dies ist ein Ausdauer-Test, der folgenden Ablauf simuliert: In die Seile laufen, sich hinwerfen, wieder auf die Beine springen und über liegende Gegner laufen — verwandelte sich der Enthusiasmus in Erschöpfung. Die Athleten mussten sich den genauen Ablauf einprägen. Dies war schon eine Herausforderung, von der Umsetzung ganz zu schweigen. Plötzlich wurde das Laufen in die Seile — eine scheinbar grundlegende und einfache Bewegung — zur einer schier unlösbaren Aufgabe.

Die Drills wurden in drei verschiedenen Ringen durchgeführt. Man sah harte Kerle und zähe Burschen, die sich durch das Performance Center bewegten. In einem Ring wurde der „Shuffle“ geübt, im anderen über Säcke gesprungen. In den Ecken führten Athleten Beinheben aus, eine ermüdende Übung. Sione Finau, ein ehemaliger Linebacker und MMA-Kämpfer, der über Batista ins Sports-Entertainment kam, brüllte wie ein echter Krieger. „Gut so.“ kommentierte Brookside.

Das über mehrere Ringe verteilte Zirkeltraining war jedoch eine große Herausforderung für jeden Teilnehmer – sogar die leichtesten und erfahrensten Independent-Wrestler hatten ihre Probleme. Swann kam in den Ring für einen letzten Satz am „Baldo Bag“. Albert fragte ihn scherzhaft, wie schwer seine Beine seien. 

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Langsam aber sicher wurden Felsbrocken zu Butterklötzen. Ein muskulöser aber völlig dehydrierter Bodybuilder wurde zum Physiotherapeuten geschickt, um Elektrolyte zu tanken. Krämpfe setzten ein. Einigen wurde übel und andere fielen über ihre eigenen Beine. Immer wieder wurden sie darauf hingewiesen zu atmen und sich Zeit zu lassen. Es gab eine Balance zwischen Geschwindigkeit und Gelassenheit, die nur die absoluten Top-Talente auf die Reihe bekamen. Die Übungen haben die Eigenschaft, Weltklasse-Athleten zu Grizzlybären auf Rollschuhen zu machen.

“Wir haben nur die erste Einheit hinter uns gebracht und ich sehe einen Haufen von total kaputten Typen.“ – so lautete die Analyse von DeMott.

Während einem Abschnitt mit Brookside Shuffles fiel eine Gruppe fast komplett auseinander. Sie wurden zu einem Flipperkasten und waren kein funktionierendes Team. Brookside machte deswegen seinem Ärger Luft. „Jeder von euch kennt das Wort Selbstbeherrschung!“ bellte er durch den Raum. „Ich sehe hier keine Selbstbeherrschung. Zieht eure Socken hoch!“

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‘Zeigt es mir!’

Mittagspause. Die Coaches hatten zum ersten Mal die Chance ihre Eindrücke zu besprechen. Während sie die Bewerbungsschreiben durchblätterten und Notizen verglichen, legten sie eine neue Regel fest: Es dürfen nur aktuelle Fotos in den Bewerbungsmappen verwendet werden. Und: Keine Selfies mehr.

DeMott freute sich dabei schon auf den Nachmittag. Die Coaches würde im Laufe der nächsten Stunden ein richtiges Gespür für die Teilnehmer am Tryout bekommen. „Die zweite Einheit ist sehr aussagekräftig! Da sucht man sich die Jungs aus, mit denen man seine Zeit verbringen möchte. Am ersten Tag findet man immer heraus, auf wen man sich an den nächsten beiden Tagen konzentriert.”

Der Nachmittag ähnelte dem Morgen. Zuerst wärmte man sich auf. DeMott ging es leicht an. Er ärgerte Swann ein wenig und ließ ihn seine Position verändern, um sein „Feng Shui” kaputt zu machen. Er witzelte und stichelte ein wenig gegen den jungen Kerl. Er solle dahin gehen, wo er hergekommen war. 

Gefährliche Aufgabegriffe, die wir schmerzlich vermissen

Im Camp von DeMott schien keine Qualität wichtiger zu sein, als die Fähigkeit „sich coachen zu lassen“. Dieser Charakterzug kann auf viele Arten und Weisen festgestellt werden. Manchmal bedeutet es, dass ein Indy-Star sein Ego zur Seite legen muss. DeMott bat zwei Riesen, sich kurz zu setzen, nachdem sie ein paar Stunden zuvor tollpatschig durch die Übungen gestolpert waren. Der Cheftrainer gab ihnen den Hinweis, dem Ganzen nicht zu viel Bedeutung beizumessen.

„Es ist OK, wenn man ein wenig müde ist“, sagte DeMott. „Hier gibt’s keine Helden. Keiner wird zerstört. Keiner soll sich verletzten.“

Als die „Brookside Shuffles“ und „Baldo Bags“ weitergingen, wurden jedoch einige Dinge klar. Der erste Abschnitt hatte nicht gerade für geladene Energiespeicher oder Kraftreserven gesorgt. Einige „Rekruten“ wirkten schlampig, andere versuchten sich zu bemühen. 

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„Zeigt es mir!“ rief DeMott. “Ich habe doch schon 70 riesige Talente bei NXT. Was macht ihr eigentlich hier? Ihr müsst mir eine Herausforderung bieten, damit ich euch in den nächsten Tagen eine Chance gebe. Fordert diese Trainer, damit sie sich genauer mit euch beschäftigen. Damit sie mehr sehen als nur eure Statur und das verdammte Bild auf eurer Bewerbungsmappe. Ihr sollt verstehen, um was es hier geht: Es ist die Möglichkeit, um eine Möglichkeit zu bekommen!“

DeMott schickte anschließend Rawlis, Knox und Jensen in den Kraftraum. Die Trainer blieben draußen. Die Vorzeigeschüler — die sich bei ihren Tryouts Entwicklungsverträge gesichert hatten – versuchten, den Talenten Feuer unter dem Hintern zu machen. Sie erinnerten sie daran, wieso sie hergekommen waren. 

Seht Euch den WWE Rekrutierungsprozess im Video an

Gestärkt ging die Gruppe aus dem Motivationsgespräch hervor. Sichtlich angespornt gingen sie an die neuen Aufgaben heran und eine neue Gewohnheit schlich sich ein: Sobald irgendwo eine Übung in den Endspurt ging, versammelte sich der Rest der Teilnehmer um den Ring und feuerte die jeweiligen Kollegen an.

Tag eins war also fast vorbei. DeMott beendete die erste Session exakt so, wie er jeden Tag abrundete. Er dankte den Teilnehmern für ihre Bemühungen und zeigte Anerkennung für ihre harte Arbeit. Diese respektvolle Geste bedeutete keinen Beifall oder Anflüge von Zufriedenheit.

„Wenn ihr in meinen Ring steigt, dann gebt mir das Gefühl dort sein zu wollen“, erinnerte er die jungen Männer, bevor er sie mit dem abendlichen Ritual „wischen und aufräumen“ betraute. Ehemalige Olympioniken und Profisportler leerten die Mülleimer und desinfizierten die Ringmatte. Es schwebte das Gefühl durch den Raum, dass noch einiges auf die Talente zukommen würde. 

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‘Ich brauche alle Helme’
Das erbarmungslose Zirkeltraining zum Auftakt des zweiten Tages sorgte dafür, dass die Aufregung des ersten Tages ein wenig verflog. Die Coaches hatten kein Problem damit die Talente zu motivieren und alle waren bereit für die anstehenden, noch komplizierteren Drills.

Albert sagte der Gruppe am zweiten Tag: „Ich nehme niemanden unter meine Fittiche, wenn er es nicht verdient und ich bin sehr wählerisch bei meiner Auswahl. Am Ende des Tages solltet ihr in den Spiegel sehen und sagen: Ich habe alles gegeben. Ich bin stolz auf meine Leistung. Ein Leben nach dem Motto: „Was wäre wenn?“ ist enttäuschend. Bedauert niemals etwas, das ihr getan habt. Bedauert nur die Dinge, die ihr nicht getan habt.“

Trotzdem trennte sich die Spreu vom Weizen und einige Teilnehmer mit breiten Schultern mussten sich nach dem Workout des Morgens setzen. Crawford, der Marine, der von den Trainern als herausragend betrachtet wurde, verdrehte sich das Knie und wurde vom Physiotherapeuten untersucht. Er versprach nach der zweiten Einheit wieder einzusteigen.

Wenige Momente später, als vier Schwergewichte eine Übung absolvierten, bei der sie in die Seile laufen mussten, gab es einen Schockmoment. Das oberste Seil riss. Der erfahrene  Brookside, der die potentielle Gefahr sofort erkannte, schüttelte erleichtert seinen Kopf.

Brookside äußerte sich dazu, als er von einem Ring zum nächsten ging: „Das ist eine angsteinflößende Situation! Wäre das Seil in der Mitte gerissen und nicht in der Ecke, dann hätte alles viel schlimmer kommen können. In solchen Situationen hilft nur beten.“

Ohne zu zögern holte der WWE-Offizielle Shawn Bennett vier Männer, die eine Ausbildung zum Ringrichter durchlaufen, um den Schaden zu reparieren. Währenddessen begaben sich die vier Athleten, die sich zum Zeitpunkt des Unfalls im Ring befunden hatte, zu einem anderen Ring. Sie fackelten nicht lange. Stattdessen schienen sie stolz zu sein. Es machte den Eindruck, als sei das gerissene Seil ein Beweis ihrer harten Arbeit.

Obwohl alle Teilnehmer voller Energie waren, konnten sie dennoch nicht alles umsetzen. Ein neuer und schwierigerer Drill sorgte dafür, dass einige stolperten. Nach zwei aufeinanderfolgenden Pannen zog DeMott schließlich Swann und seinen Partner nach hinten. Es war nicht das einzige Mal, dass er sich den erfahrensten Indy-Wrestler zur Brust nahm. Später stellte er den 22 Jahre jungen Mann zur Rede, weil er der letzte war, der aus der Trinkpause zurückkam. 

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Am frühen Nachmittag ordnete DeMott das Tragen eines Kopfschutzes an — „Ich brauche alles Helme!“ kommandierte er lautstark — das bedeutete, dass die ersten Stürze bevorstanden. Es gibt keine Sicherheitsgarantie im Sports-Entertainment. Es schadet jedoch nie, wenn man bestmöglich landet, nachdem man geslammt wird oder einen Clothesline verpasst bekommt. Dieses Wissen mit den Muskeln zu verknüpfen kann eine Menge zur Verlängerung der Karrieren bestimmter Superstars beitragen. Obwohl es für die Teilnehmer mit Wrestlingerfahrung eine altbekannte Routine war, machten viele ihre erste Erfahrung in puncto Fallschule. Trotzdem mussten alle einen Kopfschutz tragen und beweisen, dass sie ohne Verletzung auf die Matte prallen konnten.

Einer nach dem anderen stieg in den Ring. Nach der zweiten Runde hatten die meisten Indy-Wrestler keine Helme mehr auf. Nach und nach kamen Drehungen, Sprünge und Salti hinzu. Als Crawford, der nach seiner Knieverletzung zurückkam, einen schwierigen Sturz erfolgreich absolvierte, zelebrierte er seine Leistung mit einem Bilderbuch-Rückwärtssalto in der Mitte des Rings. Das Camp explodierte vor Enthusiasmus und Unterstützung. Die Kombination aus Kameradschaft und Wettkampf, die am ersten Tag geformt worden war, multiplizierte sich und verlieh den Talenten am zweiten Tag spürbar Energie.

Eine Video-Tour durch das WWE Performance Center

Es wurde nicht mehr darauf gewartet, dass sich die Action in den letzten Ring verlagerte. Es wurde sofort zugejubelt. Für einen Satz Brookside Shuffles gab es umgehend Applaus. Jedes Mal, wenn Brooksides Pfeife ertönte, riefen die Jungs außerhalb des Rings „Wechsel!“ – dies bedeutete einen Richtungswechsel im Ring. Die Rufe waren häufiger und immer gemeinsam zu hören. Die Drills liefen flüssiger. Ca. 20 Fuß entfernt sah man ein Grinsen auf dem Gesicht von Bill DeMott.

„Jetzt sind wir ein Camp!“ rief er. „Manchmal zählt nicht der Anfang, sondern wie man die Sache beendet, oder?!“

„Yes, Sir!” antworteten die Schüler. Die Talente wurden nicht wie am ersten Tag dazu aufgefordert die Anlage zu säubern. Stattdessen lieferten sie sich ein Rennen, als es darum ging, sich Besen und Desinfektionsspray zu schnappen. Beale-McDonald, der College-Ringer, hatte einen entschlossenen Gesichtsausdruck, als er sich als Erster einen Wischmopp schnappte. 

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Willkommen im „Rotlichtmilieu“
Eine andere Art von nervöser Energie erfüllte das Performance Center am dritten Tag. Mehrere Alphamännchen liefen aufgeregt hin und her, als ihre Augen Stuhlreihen erblickten, die in der Halle mit dem Ring aufgestellt waren. Die Truppe war in verschiedene Outfits gekleidet: Einige hatten ihre Ringkleidung an und andere trugen ein schönes Hemd mit Anzugschuhen. Manche wählten ihre Ausstattung nach anderen Kriterien und nahmen Peitschen oder Fackeln mit.

Obwohl später noch ausreichend Zeit zur Verfügung stehen würde, um Rollen zu üben, lag die oberste Priorität nun auf dem „Promounterricht“.

Das Einmaleins der Wrestling-Interviews. Vor einem Publikum sprechen. Die erste Einheit des dritten Tages war mindestens so wichtig wie die zahlreichen Rollen und Shuffles, anhand derer die Fähigkeiten der Teilnehmer am ersten und zweiten Tag beurteilt worden waren.

Der Trainerstab wurde nun durch WWE-Ruhmeshallenmitglied Dusty Rhodes und William Regal komplettiert. Zwei der größten Redner im WWE-Ring aller Zeiten und erfahrene Legenden, wenn es um die Beurteilung von Talent geht. Brookside nennt seinen Freund und britischen Kollegen William Regal deswegen „Witchfinder”, weil er eine Sache besonders gut beherrscht. Einen Tag zuvor hatte er die Schüler noch gewarnt: „William Regal kann Talent gegen den Wind riechen!“

„Keine Persönlichkeit? Du kannst die Leute nicht unterhalten? Was kannst du dann überhaupt?” diese Fragen stellte Rhodes.

„Wie soll dieser Typ mit dem fetten Hintern Geld bringen?“ – Dusty Rhodes meinte natürlich sich selbst. Dann zeigte er in die Kamera, das „Rotlichtmilieu“, wie er es nennt. Anschließend gab er die Antwort: „Mit dem Publikum kommunizieren!“

Das Ziel des Workshops war ein einminütiges Interview. Regal riet den Talenten von einem typischen Wrestler-Interview ab. Er meinte das Bellen und Keifen, das Zeigen mit dem Finger – all diese Dinge seien im Sports-Entertainment sehr dominant. Er gab den Hinweis subtil zu denken. Er riet den Schülern dazu mit Gesichtsausdrücken zu arbeiten. Er führte Randy Ortons Timing als Beispiel an und nahm sein auf-die-Zähne-Beißen als Vorbild. Dieses kleine Zittern des Kiefers der Viper, wenn dieser vor Intensität überschäumt. Diese Details seien sehr wichtig. 

'Hier gibt’s keine Helden!': Drei Tage WWE-Tryout

Die ersten Interviews, z.B. Beale-McDonald’s Gewichtheber-Predigt, waren etwas merkwürdig und wirkten unpassend. Es zeigte sich, wenn die jungen Männer kamerascheu waren. Thomas Kingdon, ein ehrgeiziger, aber warmherziger Bodybuilder, dessen Stärke seine Physis war, gab ein steifes Interview. Er wurde lockerer, als die Trainer ihn in eine Gesprächssituation brachten.

Regal stellte fest: „Wenn man großartig kommunizieren will, muss man offen sein.“

Die Leistungen wurden immer besser. Shirley, der Ex-Footballer mit einem Körpergewicht von über 150kg beschrieb humorvoll die Blicke der Menschen, die er beim Spaziergang mit seinen zwei Französischen Bulldoggen, die jeweils nur 10kg schwer sind, immer wieder spürt. Levis Valenzuela Jr., ein mit Federn geschmückter, spanischsprachiger und charismatischer Feuerball, war in den ersten beiden Tagen durch das Raster gefallen. Er hatte sich bis dato ruhig verhalten und befolgte nur die Anweisungen der Trainer. Er überraschte alle, als er vor die Kamera trat.

Er trug eine Lava-Lava, die traditionelle Kleidung polynesischer Stämme. „The Mad Tongan” Sione Finau trat auf eine ähnliche Art und Weise auf. Als seine Zeit abgelaufen war, sprach er über sein Privatleben und darüber, dass er beinahe gegen Batista in einem MMA-Kampf angetreten wäre. Außerdem gab er zu, dass die Bewohner Tongas eine Vorliebe für heimatliches Büffet haben.

Für sein Kamera-Segment hatte Swann eine Gitarre vorbereitet und wechselte zwischen Beatboxing und fließendem Japanisch hin und her.

„Deine Jacke gefällt mir“, sagte Smiley später zu Swann. Der Neuling trug eine schwarze „Ribera Steakhouse“-Ringjacke mit dem typischen Longhorn-Zeichen des Restaurants aus Tokio. So eine Jacke zu besitzen ist ein Ritual im Sports-Entertainment.

„…nur weil du 72 Stück davon hast!” – DeMott witzelte in Smileys Richtung.

Als der Interview-Workshop sich dem Ende näherte, war die Erleichterung im Performance Center richtig spürbar. Nach einem kurzen Workout gab man acht Talenten die Möglichkeit, in Übungsmatches gegeneinander anzutreten. In seinem Match gegen Cobb trat Finau dem Olympioniken voll ins Gesicht und ließ danach einen Urschrei los. Swann trat gegen einen hoch angesehenen Routinier namens Luis Mares Jr. an und verdiente sich einige “Oohs” und “Ahhhs“ seiner Kollegen, da er atemberaubende Aktionen zeigte, z.B. einen 450-Splash.

Als sich das Camp dem Ende neigte, betonte DeMott nochmals die Wichtigkeit von Respekt. Dies hatte er seit Tag eins gepredigt. Er ermutigte die Teilnehmer ebenso dazu die Lektionen zu beherzigen und diese weiterzugeben.

Dann ging es in die Heimat. Nach Hause, in das Leben eines Personal Trainers, Barkeepers oder Gefängniswärters. Viele dieser Männer hatten ihre einzige Reise ins Performance Center hinter sich gebracht. Einige erwarten Entwicklungsverträge, aber sie wissen es noch nicht. Das nächste Kapitel auf der Reise zum WWE-Superstar. 

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